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Rückblick: „Das Schutzengelhaus“ – das Grauen der NS-Kinder-Euthanasie als Theaterstück

Von Jürgen Weil

 

Weilburg erinnerte in der Woche vor dem Holocaustgedenktag, am 21. und 22.1.2019, mit einem ungewöhnlichen Theaterstück an ein häufig verdrängtes dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, die Kinder-Euthanasie, die Morde an mindestens 5000 körperlich und geistig behinderten oder sozial auffälligen Kindern und Jugendlichen.

Auf Einladung des Vereins „Weilburg erinnert“ zeigte das Kinder- und Jugendtheater „mini-art“ aus Bedburg-Hau „Das Schutzengelhaus“ in einer Abend- und zwei Vormittagsveranstaltungen im Musikpavillon des Gymnasiums Philippinum. Die mehrfach ausgezeichneten Schauspieler Crischa Ohler und Sjef van der Linden beeindruckten das Weilburger Publikum bereits vor einem Jahr in der Stadthalle mit „Ännes letzte Reise“, das die Deportation und Ermordung geistig behinderter und psychisch kranker Menschen thematisiert.

Der Titel „Schutzengelhaus“ erinnert an eine ursprünglich kirchliche Pflegeeinrichtung des Franziskaner-Ordens in Waldniel-Hostert in Nordrhein-Westfalen, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und zynisch als „Kinderfachabteilung“ bezeichnet, aber in eine Mordanstalt umgewandelt wurde, eine von über 30 deutschlandweit. Körperlich und geistig behinderte Kinder, die nach der NS-Ideologie von der „Rassenhygiene“ als „unwertes Leben“ galten, wurden durch Medikamente und Vernachlässigung gezielt umgebracht. Unter dem Deckmantel einer angeblichen „Krankenpflege“ begann 1939 die „Euthanasie“, verdeckte Tötungsaktionen, angeblich oder -kaum auszuhalten- tatsächlich auch auf Bitten von Eltern, die um den „Gnadentod“ für ihre beeinträchtigten Kinder baten. In Waldniel wurden 99 Kinder zwischen 1941 und 1943 „todtherapiert“ und ihre wahren Todesursachen verschleiert. Die Kinder hatten keine Schutzengel. Im Szenendialog mit Euthanasiearzt Dr. Hermann Wesse wird deutlich: Ferne „Gutachter“ in Berlin entschieden: ‚Das Kind ist der Therapie zuzuführen‘, hieß: Einschläfern! „Nach dem Sterben des Kindes schrieb ich dann eine Todesbenachrichtigung mit der Todesursache, … die möglich gewesen wäre…Lungenentzündung, doppelte Pneumonie, akute Masern, das, was sie hatten…oder…hätten haben können.“

Regisseur Rinus Knobel nennt „Das Schutzengelhaus“ eine „theatrale Collage“ aus Schauspiel, Filmausschnitten, Bildern, Figurenspiel und auf Wände projizierten Zitaten. Einige belegen, wie sehr sich Hitler auf die Rassenideologie von Scheinwissenschaftlern schon aus dem 19. Jahrhundert berufen konnte. Aus der Perspektive von Kindern, Eltern und Ärzten wird Ungeheuerliches offenbart. In exemplarischen Szenen werden die Ängste von ausgelieferten Kindern deutlich, die Verstörtheit von Müttern nach der Einlieferung. Oder die Empörung eines Vaters über den bei Besuchen erkennbar schlechten Gesundheitszustand seiner abgemagerten Tochter (aus authentischen Briefen von Sjef van der Linden vorgelesen). Sie alle merken zu spät, dass ihr Kind in dieser Klinik nicht gut aufgehoben war. Erschreckend aber auch die Skrupellosigkeit von Eltern, die Gleichgültigkeit von Krankenpflegerinnen, der Zynismus von Ärzten, die mit Überzeugung einer Ideologie folgen und morden oder morden lassen und auch nach dem Krieg noch keinerlei Schuld empfinden. All das wächst beim Zuschauer zu einem bedrückenden Ganzen zusammen, lässt ihn ahnen, wie Menschen zu Opfern oder Tätern werden können, wenn die Menschenrechte außer Kontrolle geraten. Die Kinder hatten keinen Engel, der sie beschützt, „sie sind alle tot“, heißt es im Stück. Es zielt auf die Haltung jedes Einzelnen, im Kleinen, schon bei der Wortwahl die Würde des Mitmenschen zu achten.

Das spürten auch die Zuschauer, die Theateraufführungen sahen zwar nur drei dutzend Erwachsene, aber über 300 Schülerinnen und Schüler aus neunten und zehnten Klassen aller großen Weilburger Schulen, Gymnasium Philippinum, Jakob-Mankel-Schule, Heinrich-von-Gagern-Schule, Berufsfachschüler mit dem Schwerpunkt „Gesundheit“ der Wilhelm-Knapp-Schule, Schülerinnen und Schüler der Krankenpflegeschule. In klugen Nachfragen erfahren sie, welche Schwierigkeiten das Team von „mini-art“ um die Schauspieler Crischa Ohler und Sjef van der Linden beim Recherchieren hatten, nach 70 Jahren immer noch viel Schweigen und Vergessen. Bildprojektionen zeigten die verfallenden Gebäude, wo sich hinter hohen Fenstern und dunklen Gängen die Grauen der Kindereuthanasie abspielten. Heute, eingezäunt, in Privatbesitz, dienen sie als Kulisse für Krimis und Horrorfilme oder werden für Paintball-Spiele vermietet. Direkt daneben aber inzwischen eine Gedenkstätte, die viele Originaldokumente aufbewahrt und zeigt. Eine wichtige Quelle für alle Nachforschungen war besonders das Buch von Andreas Kinast: Das Kind ist nicht abrichtfähig. ‚Euthanasie‘ in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941 – 1943, Böhlau Verlag 2014.

‚mini-art‘ zitiert auf der Rückseite des Plakats zum ‚Schutzengelhaus‘ die Berliner Lehrerin Karin Weimann (‚Warum erinnern? Warum gedenken?‘ – Vortrag am 27.1.2008, empfehlenswert dazu ihr Buch: ‚Sisyphos’ Erbe. Von der Möglichkeit schulischen Gedenkens‘): „Warum, so fragen oftmals junge und alte Menschen, warum nach einer so langen Zeit noch eine Beschäftigung mit diesen Verbrechen, warum eine Hinwendung zum Gestern? … Wir können lernen, unser Leben und das anderer Menschen wertzuschätzen und dankbar dafür zu sein, … nicht verfolgt, nicht bedroht, nicht als unwert und der Vernichtung preisgegeben zu sein. Erinnern und Gedenken dienen also nicht allein den Vernichteten, die wir in unserem Gedächtnis bewahren … Erinnern und Gedenken dienen auch uns selbst, der Entwicklung unserer Persönlichkeit und der demokratischen Gestaltung unserer Gegenwart.“

Im Geiste dieser Worte bedankte sich der Vereinsvorsitzende Markus Huth nach der Abendveranstaltung bei Ohler, van der Linden und Techniker Elmar Brandenburg und kündigte die weitere Zusammenarbeit an. Martina Hartmann-Menz übergab Geschenke aus dem Weilburger Weltladen, vor allem auch einen handgeschnitzten Schutzengel aus Afrika zur Erinnerung. Crischa Ohler hob die Bedeutung der Erinnerungsarbeit des Vereins hervor: „Es ist so wichtig, was ihr leistet!“ Am nächsten Morgen begrüßte Bärbel Kamphausen-Muser die erste Schülergruppe und dankte besonders ihrem Kollegen vom Philippinum, Michael Glotzbach, für seine umfassende Hilfe beim Herrichten des Zuschauerraumes in ‚seinem‘ Musikpavillon. Jürgen Weil drückte am Ende den Schauspielern unter dem Beifall der zweiten Schülergruppe höchste Anerkennung aus. Er gab den Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Intention des Theaterstücks den Gedanken mit auf den Weg, wie sehr sich im Grundgesetz der BRD und in einer UN-Konvention die Lehren aus der Vergangenheit wiederspiegeln: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“… „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ … „Inklusion ist ein Menschenrecht.“

Vereinsvorsitzender Markus Huth (rechts) bei den Dankesworten an die Schauspieler am Schluss der Abendveranstaltung.

 

Fotos: Andreas Müller
Text: Jürgen Weil